Oliver Kälberer
Indischer Zyklus

für Mandoline und Gitarre
für zwei Gitarren
für Zupforchester und Perkussion
für Oboe und Gitarre

Ganesh — On the Road
Shiva — Having a Ball
Vishnu — Times of Struggle
Kali — Closing the Circle

Die vier Werke entstanden zwischen 1992 und 1995 unter dem Eindruck von zwei längeren Indienreisen und sind hinduistischen Gottheiten gewidmet.

Die Kompositionen haben keine Ähnlichkeit mit indischer Musik, sind aber beeinflusst und inspiriert von der indischen Art zu leben und zu denken, von der Widersprüchlichkeit des Landes und seiner Mythologie.

Ganesh  Ganesh — On the Road

Ganesh ist der elefantenköpfige Sohn von Shiva und Parvati. Er ist der hinduistische Gott der Weisheit und des Wohlstandes, reitet auf einer Ratte und ist als Glücksbringer einer der beliebtesten und am meisten verehrten Götter in Indien.

Die Komposition kann als Erzählung einer Reise verstanden werden. An ihrem Anfang steht der Zusammenprall zweier Welten in der Psyche des Besuchers (Lost Balance). Durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden (Fighting for Insight) und durch die zunehmende Öffnung gegenüber dem Unbegreiflichen (Rats’ Waltz, Chasing Thoughts) finden die beiden anfangs nicht kommunikationsfähigen Stimmen allmählich zueinander (Chanting the Mantra). Diese Entwicklung „gipfelt“ in einem Augenblick völliger Ruhe (Being as One), bevor die Reise mit mehr Einsicht weitergeht (Back on Track) – Nichts ist unmöglich (Enlightened Elephants Fly) …

Shiva  Shiva — Having a Ball

Shiva ist die bedeutendste hinduistische Gottheit. Als Zerstörer und Erneuerer vereinigt der Gemahl von Parvati und Vater von Ganesh alle Widersprüche Indiens in sich. Seine wichtigsten Attribute sind Dreizack und Lingam (Phallussymbol), aus seiner Fontanelle entspringt Ganga, der heiligste Fluss Indiens. Solange Shiva tanzt, dreht sich das Rad des Lebens, die ewige Folge von Tod und Wiedergeburt.

Am Anfang der Schöpfungsprozess: aus unregelmäßigen Klangblumen (Cosmic Flowers) entstehen allmählich fassbare Strukturen, Rhythmus und Melodie (Sketches of Life). Dann die Gewalt des göttlichen Tanzes, lebendig und zerstörend zugleich (Deadly Dancing). Schließlich der Übergang in eine andere Dimension: höchste Komplexität löst sich auf in Ruhe und Licht (Transformation). Und weiter tanzt der Gott (Keep Moving) …

Vishnu  Vishnu — Times of Struggle

Vishnu ist (zusammen mit Shiva und Brahma) einer der drei Hauptgötter des Hinduismus. Man nennt ihn den Bewahrer, den Hüter der menschlichen Moral und Ethik (Dharma) und der ewigen Ordnung des Universums. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, inkarniert er sich, um der Menschheit neue Wege der Weiterentwicklung zu weisen. Die Hindus verehren Vishnu vor allem in seinen Inkarnationen als Rama oder Krishna, von deren Taten die großen Epen Ramayana und Mahabharata berichten. Letzteres gipfelt in einer gigantischen Schlacht, in der Krishna/Vishnu die Menschen zur Pflichterfüllung ruft und ihnen gleichzeitig die Nichtigkeit allen irdischen Seins vor Augen führt.

Zu Beginn ein Riss durch Raum und Zeit, der die scheinbar unbewegte Struktur des Universums freilegt (Space in Motion). Aus kleinen Unregelmäßigkeiten und Verschiebungen entsteht Bewegung, also Leben. Ganz allmählich, gleichsam absichtslos baut sich Spannung auf (Tension Building) und es entstehen Konflikte. Die Gesetze der Natur und des menschlichen Schicksals (Bound by Fate) führen unausweichlich (No Escape) zur Eskalation, zur Entladung aller angestauten Energie (Energy Released), zur völligen Vernichtung. Was bleibt, ist die Erkenntnis der Leere (Emptiness). Doch schon entsteht neue Bewegung (Endless Agitation) — und ewig dreht sich das Rad …

Kali  Kali — Closing the Circle

Kali ist eine der vielen Manifestationen der Gemahlin Shivas, sie repräsentiert seinen grausamen und zerstörerischen Aspekt, in ihren Tempeln fließt das meiste Opferblut. Trotzdem wird sie von ihren Anhängern auch als Geborgenheit gebende Muttergottheit verehrt. In den Puranas, den Legenden über die Götter heißt es, bei einer Gelegenheit sei Shakti ihrem Gemahl Shiva in zehn verschiedenen Gestalten erschienen. Zuerst kam sie als Kali und wird so beschrieben:

Ihr Körper war so tiefblau wie die dunkelsten Wolken; sie war nackt und furchterregend. Die lange schwarze Mähne hing ihr bis auf den Rücken; sie trug einen Gürtel aus abgeschlagenen Armen, eine Halskette aus Schädeln, und von ihren vier Armen hielt die untere linke Hand den blutenden Kopf eines Dämons, die obere linke ein Schwert. Mit der oberen rechten Hand machte sie ein Zeichen, das Furchtlosigkeit bedeutet, mit der unteren rechten gewährte sie Wohltaten. Die dunkelrote Zunge hing ihr aus dem offenen Mund, so dass man die großen, scharfen Zähne sehen konnte. Sie hatte drei Augen; das in der Mitte der Stirn sitzende funkelte und strahlte.

Basic Power – Losing Ground – Magic Dance – Chasing Light – Spiritual Return