Oliver Kälberer
Machine

Vier Studien für Zupforchester

Aus dem Vorwort:

Die vorliegenden Studien entstanden 1996 und dienen der Verbesserung des Zusammenspiels im Orchester. Mit „Zusammenspiel“ ist hier jedoch nicht die vordergründige Gleichzeitigkeit der Töne gemeint, sondern das Erleben der musikalischen Beziehungen zwischen den Stimmen, das Bewusstsein für die innere Einheit eines Orchesters. In diesem Sinne ist auch der Titel zu verstehen: Das Wesen einer Maschine basiert auf dem perfekten Ineinandergreifen der einzelnen Bestandteile, wodurch ein reibungsloses „Funktionieren“ erst möglich wird.

Auf menschliche Spieler übertragen verlangt dies ein hohes Maß an Offenheit und Aufeinander-Hören. Wenn jede Stimme für sich präzise ausgeführt wird, entsteht noch lange nicht die gewünschte Wirkung. Musikalisch spannend wird es erst, wenn sich jeder Spieler als lebendiger Bestandteil eines komplexen Ganzen begreifen und erleben kann. Die Sensibilität der Spieler für ihre jeweilige Position und Funktion innerhalb einer „Machine“ wird besonders intensiv entwickelt, wenn die Studien (vor allem Nr. III und IV) ohne Dirigent gespielt werden und das Orchester einen geschlossenen Kreis bildet.

Es geht nicht darum, die Studien möglichst schnell einzustudieren, sondern darum, beim Einstudieren möglichst viel zu lernen. Darüber hinaus dienen sie als Einspielstücke, um die Einheit des Orchesters immer wieder aufs Neue herzustellen. Für eine Aufführung im Konzert eignen sich am ehesten Machine I und Machine II.

  Machine I  Hier kommt es vor allem auf die gute Abstimmung der Stimmen untereinander an, also auf die perfekte klangliche Balance. Der Zuhörer soll ebenso wie der Spieler nicht vier einzelne Stimmen erleben, sondern ein homogenes, räumlich differenziertes Gewebe. Technische Voraussetzungen hierfür sind ein sehr lockerer Anschlag und – bei gegriffenen Tönen – die Fähigkeit der linken Hand, den Klang so lange wie möglich gegen die anderen Stimmen lebendig zu halten.

  Machine II  Die Deutlichkeit und gleichmäßige Qualität der Akzente ist hier wesentlich. Nach und nach soll die Lautstärke der nicht akzentuierten Töne möglichst weit abgesenkt werden, dann treten die rhythmischen Verschiebungen klarer hervor. Diese Studie wird in ihrem Verlauf immer schwieriger und ein neuer Abschnitt sollte erst angegangen werden, wenn der vorausgegangene Teil stabil und locker funktioniert. Nach einiger Zeit kann auf die Wiederholungen verzichtet werden.

  Machine III  Die klangliche Kontinuität durch alle Stimmen ist hier besonders wichtig. Alle Töne sollen schön, voll und so lange wie möglich klingen (auch innerhalb einer Stimme ineinander klingen). Anfangs soll die Studie in einem gleichmäßigen Tempo gespielt werden. Anzustreben ist ein bewusstes Pendeln zwischen dem immer gleichen Grundton und dem jeweiligen Spitzenton eines Taktes. Bei dem Versuch, ein absolut gleichmäßiges Fließen zu erreichen, wird deutlich werden, dass die Individualität jedes einzelnen Spielers dem Verlauf der Musik im Weg steht. Erst wenn diese Hürde überwunden ist, kann das Tempo variiert werden. Es soll entweder mit der Länge der Takte zu- oder abnehmen oder aber innerhalb jedes Taktes mit der Höhe der Töne.

  Machine IV  Hier sollen die Akzente nahtlos und ganz ohne Ruck durch die Stimmen wandern. Das ist nur bei völliger körperlicher und geistiger Lockerheit möglich! Ist diese erreicht, kann das Tempo mühelos gesteigert werden.